Renate Solbach: Camera inversa | Klytämnestras Gefangene 13/2
Andreas rückte die kleine Vase mit dem in Pastellfarben gehaltenen Strauß, der den Tisch schmücken sollte, mit einer Geste, bedeutsam und absichtslos, zwischen sich und Hannah. Eine Versuchsanordnung! Das Lächeln, das sein Gesicht aufhellte, die Hände, die noch eine Weile die Vase umspielten, schienen dieselbe Sprache zu sprechen. Schau mal! Mehr ist es nicht, was uns trennt! Nur ein Gegenstand, der nicht die Qualität des Unverrückbaren aufweist. – Vielleicht irre ich auch. Vielleicht ist der Wunsch die Quelle der Deutung. Vielleicht ist es die unausgesprochene Frage nach dem ›Stand der Dinge‹. Hhm, was auch immer...
Jedes Mal, wenn sie sich in einem Lokal oder an einem anderen öffentlichen Ort gegenübersaßen, stellte sich die Atmosphäre intensiven Zusammengerücktseins ein. Im Lichtraum der Bühne verschweißt. Die Umgebung sank auf den Status einer Staffage herab, die den Kontrapunkt zum dramatischen Dialog bildete. Die Welt war nicht aus-, sondern eingeschlossen. In die Worte, die sie wechselten, die Überlegungen, die sie anstellten, die Hypothesen, die sie gemeinsam zu bilden suchten. Das musste in Romanen mit den Worten von zwei Menschen, die sich selbst genügten, gemeint sein.
Heute schwiegen sie beide. Wer würde den Eröffnungszug wagen? Wie so häufig war es Andreas. »Und, wie war das Treffen?« Hannah hatte die letzten Tage bei einem gemeinsamen Freund verbracht. Arbeitspläne besprechen. Obwohl alle Fasern ihres Körpers vibrierten, zwang sie sich zur Ruhe.
   © Acta litterarum 2009