Renate Solbach: Camera inversa
| Hannahs Traum 1/4
Die
Entscheidung bestand also darin, entweder ein authentisches Entsetzen
zu erfinden, um zu erzählen oder den Traum in die nötige Distanz zu
rücken, um seine Dynamik und das, wofür diese stehen könnte, zu
analysieren. Also, ich will was
erzählen, ich will was sagen. Und um das zu machen, muss ich ja in die
Sprache gehen in meinem Fall, und dann muss ich das suchen, ich muss so
lange suchen, bis ich den Eindruck habe, es tangiert irgendwo, es kommt
einigermaßen in die Nähe. Und dem kommt es nur in die Nähe, wenn ich es
ganz anders mache, also, wenn ich es zertrümmere und wenn ich es durch
Sprache noch einmal zusammensetze. Und wenn ich dann Glück habe,
erwische ich wieder viele Kleinstdetails, die in der Zusammensetzung
von sich aus vielleicht wieder etwas ergeben, was dem, was ich
mitschleppe, in die Nähe kommt. Es war die Entscheidung für die
notwendige – nennen wir es einmal so – ›Schizophrenie‹ des Autors. Mit
Hilfe von ›Personae‹, Namen, die gewissen Bereichen seines inneren
Erlebens entsprechen, rückt er die Dinge von sich fort und betrachtet
sie von einem imaginierten ›Außen‹. Warum aber sollte sie das tun? Das
Publikum würde es ihr nicht danken. Das unmittelbare Mit- oder
Nachempfinden war ihm lieber. Katharsis entstand auf diese Weise. Wie
jedermann wisse, sei es zum Beispiel beim Bau einer Lokomotive
unerlässlich, dass der Erbauer seine Arbeit mit der Geschwindigkeit von
achtzig Meilen in der Stunde ausführt. Der Leser wollte
dieselben oder beinahe selben Erfahrungen wie der Autor durchleben;
anschließend konnte er sich beruhigt seinen Alltagsgeschäften zuwenden,
um die erfreuliche Erfahrung einer Peripetie oder eines anhaltenden
Entsetzens, die reinigende Kräfte freigesetzt hatten, bereichert.